Analyse zum Vorstoß von Telekommunikationsminister Mustafa Sand, Waze im Irak zu verbieten, und bessere Alternativen
Telekommunikationsminister Mustafa Sand kündigte an, die Navigations-App Waze im Irak verbieten zu wollen, während die Behörde für Medien und Kommunikation erklärt, es liege noch keine Sperrentscheidung vor. Diese Analyse rekonstruiert die Fakten und schlägt regulatorische Alternativen vor, die das Sicherheitsziel erreichen, ohne Bürger und digitale Wirtschaft zu schädigen.

Analyse | Die Navigations-App «Waze» ist im Irak bis heute weiterhin nutzbar, ihr Fortbestand steht jedoch zwischen einem vom Telekommunikationsminister Mustafa Sand angekündigten Verbot und der Feststellung der Behörde für Medien und Kommunikation, dass bislang keine Sperrentscheidung getroffen worden sei. Der Fall wirft eine größere Frage auf als nur die einer einzelnen App: Wie kann der Staat seine souveränen und sicherheitsrelevanten Ziele erreichen, ohne Millionen Fahrerinnen und Fahrern sowie Liefer- und Transportunternehmen die Kosten aufzubürden?
Was bisher angekündigt wurde
Am 6. Oktober 2026 erklärte Minister Sand am Rande einer Technologieausstellung in Erbil, das Ministerium beabsichtige, «Waze» Anfang 2027 zu sperren. Er begründete dies damit, dass die App israelischen Ursprungs sei, und verwies auf Alternativen für Nutzer, darunter Google Maps und irakische Anwendungen. Am selben Tag gab der Minister eine Erklärung heraus, in der er sagte: «Wir haben beschlossen, unsere Entscheidung zum Verbot der App Waze Anfang 2027 aufzuheben und die Entscheidung auf Ende des kommenden Dezembers vorzuziehen.»
«Waze» wurde in Israel gegründet, bevor das US-Unternehmen Google 2013 die App übernahm. Die staatliche Haltung steht im Zusammenhang mit der offiziellen irakischen Position gegenüber Israel: Ein 2022 vom Parlament verabschiedetes Gesetz kriminalisiert jegliche politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Beziehungen mit diesem Land.
Am 22. Oktober sagte der Minister während eines Internet-Governance-Forums in Bagdad, es «gäbe kein Verbot der App Waze», fügte jedoch hinzu: «Ich bin nicht von dem Vorhaben, Waze zu verbieten, zurückgetreten, und es wird alternative Anwendungen geben.» Er erklärte, junge Iraker und lokale Firmen hätten dem Ministerium Angebote für Karten- und Verkehrsüberwachungsanwendungen vorgelegt.
Stellungnahme der Behörde für Medien und Kommunikation
Im Gegensatz dazu erklärte der Vorsitzende der Behörde für Medien und Kommunikation, Baligh Abu Kallal, dass keine Entscheidung zur Schließung der App getroffen worden sei und dass ein Verbot jeder Anwendung gründlicher Untersuchungen und vollständiger Verfahren bedürfe. Er bekräftigte, dass «Waze» bis zu einer Entscheidung verfügbar bleiben werde. Ebenfalls auf dem Forum sagte er, der Irak arbeite mit Google zusammen und nutze dessen Dienste, und ein Verbot von Teilen ihrer Anwendungen allein wegen des Gründungsorts erscheine unwahrscheinlich. Zugleich befürwortete er die Unterstützung irakischer Entwickler, nannte dies jedoch «nicht einfach».
Damit ergibt sich bislang das Bild eines angekündigten ministeriellen Vorstoßes, jedoch keiner durchgesetzten regulatorischen Entscheidung, bei zugleich deutlicher Divergenz zwischen dem Ministerium und der regulierenden Kommunikationsbehörde.
Parlamentarische und öffentliche Reaktionen
Die Abgeordnete des Ausschusses für Verkehr und Kommunikation, Muna Suwadi, rief das Ministerium zur Vorsicht auf. Sie betonte, die nationale Sicherheit habe Priorität, doch sei der Schutz der Interessen der Bürger und die Fortführung ihrer Geschäfte ebenso wichtig. Der Ausschuss habe Bitten von Lieferfirmen und anderen Stellen erhalten, die auf die App zur Organisation ihrer Tätigkeiten und zur Routenbestimmung angewiesen sind. Suwadi forderte eine Klarstellung der technischen und sicherheitsrelevanten Gründe und das Suchen nach Alternativen vor einer endgültigen Entscheidung. Die Ankündigung löste eine breite Welle von Kommentaren in sozialen Medien aus, worauf der Minister selbst verwies, als er die Verschiebung des Termins mit der Reaktion der Bürger in Zusammenhang brachte.
Warum Iraker Waze nutzen
«Waze» beruht auf Meldungen von Millionen Fahrern in Echtzeit über Staus, Unfälle, Sperrungen und Umleitungen und berechnet automatisch neue Routen, um diese zu umgehen. In Städten wie Bagdad, wo Staus Stunden des Arbeitstages verschlingen, ist die App zu einem Arbeitsinstrument für Taxifahrer, Lieferdienste und Transportunternehmen geworden; sie dient zudem der Leitung von Krankenwagen, Rettungsdiensten und Reisenden zwischen Provinzen. Jede plötzliche Unterbrechung führt zu längeren Fahrzeiten, höherem Kraftstoffverbrauch und steigenden Betriebskosten, die letztlich auf die Verbraucherinnen und Verbraucher übergehen.
Konstruktive Kritik am Entscheidungsweg
Kein Zweifel besteht am Recht des Staates, die Daten seiner Bürger und seine Sicherheit zu schützen, ebenso an der Bedeutung, irakische Programmierkompetenzen zu fördern. Die Art und Weise, wie die Angelegenheit bisher gehandhabt wurde, wirft jedoch Kritikpunkte auf, die überprüft werden sollten:
- Die rechtliche Grundlage ist unklar: Bislang wurde kein offizielles Dokument veröffentlicht, das die rechtliche Grundlage des Verbots, dessen Umsetzungsmechanismus, die Einbeziehung der Region Kurdistan oder die zuständige Entscheidungsinstanz definiert.
- Vordringen des Termins statt Konsultation: Die Verschiebung des Termins von Anfang 2027 auf Ende Dezember nach Kritik erweckte den Eindruck einer Eskalation; angemessener wäre es gewesen, einen Konsultationsprozess mit den Betroffenen zu eröffnen.
- Der Ersatz sollte dem Verbot vorausgehen, nicht folgen: Eine erfolgreiche Navigationsanwendung benötigt eine präzise geografische Datenbasis, ein laufend aktualisiertes Straßennetz, Routing-Systeme und Live-Daten über Verkehr und Zwischenfälle – ein System, das in Jahren aufgebaut wird, nicht in Wochen.
- Einheitliche Datenstandards sind umfassender als eine einzelne App: Wenn das Ziel der Schutz von Standortdaten ist, sammeln andere weit verbreitete Anwendungen ähnliche Daten. Einheitliche Regeln zum Datenschutz, die alle einschließen, sind effektiver als die Sperrung einer einzelnen App.
Risiken eines Verbots für die digitale Wirtschaft
Erfahrungen mit App-Sperren in anderen Ländern zeigen, dass Nutzer*innen schnell auf virtuelle private Netzwerke (VPN) zurückgreifen und die gesperrte App de facto weiter nutzen, während der Staat die Fähigkeit zur Regulierung und Nachverfolgung verliert. Nutzer könnten auf zwischengeschaltete, unbekannte Anwendungen ausweichen, die ihre Daten stärker gefährden. Plötzliche Entscheidungen im digitalen Sektor senden zudem ein schlechtes Signal an Investoren und Start-ups, die ihre Dienste auf globalen Plattformen aufbauen – ein relevanter Punkt, während der Irak Digitalisierung und Investitionen anstrebt.
Erfahrungen von Ländern, die Regulierung statt Sperre gewählt haben
In Frankreich wurde die Frage der Warnung vor Kontrollpunkten durch Regulierung und nicht durch Verbot gelöst. Das Mobilitätsgesetz vom Dezember 2019 und das dazu erlassene Durchführungsdekret vom April 2021 erlauben es Präfekten und dem Innenminister, von Navigations-Apps, darunter «Waze», temporär zu verlangen, bestimmte Arten von Kontrollpunkten zu verbergen: bis zu zwei Stunden für Alkohol- und Drogenkontrollen und bis zu zwölf Stunden für andere Punkte im Zusammenhang mit schweren Verbrechen, Terrorismus oder Entführungen, jeweils in einem begrenzten geografischen Umfang. Unternehmen, die dagegen verstoßen, drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 30.000 Euro. Das Innenministerium entwickelte diesen Mechanismus in Abstimmung mit den Navigationsanbietern, und der französische Verfassungsrat bestätigte seine Verfassungsmäßigkeit im November 2021.Offizielle Mitteilung der französischen Regierung)
Auf Partnerschaftsebene bietet das kostenlose Programm «Waze for Cities» Städten und Verkehrsbehörden den Austausch von Daten mit der App an: Behörden liefern der App Informationen zu Sperrungen, Baustellen und Unfällen und erhalten dafür anonymisierte Daten über Verkehrsfluss und Stau, um Ampelsteuerung und Notfallmaßnahmen zu verbessern. Angebliche Beispiele auf der Programmseite umfassen Städte und Behörden wie Gent (Belgien), den Fürstentum Monaco, Rio de Janeiro (Brasilien) und Chicago (USA).Seite des Programms «Waze for Cities»)
Praktische Empfehlungen für das Telekommunikationsministerium
- Mit dem Eigentümer vor einer Sperre verhandeln: Wenn Kontrollpunkte und Sicherheitskontrollen Anlass zur Sorge sind, kann verlangt werden, dass diese Orte in der App für den Irak verborgen werden, analog zum französischen Mechanismus – eine technisch mögliche und erprobte Maßnahme.
- Beitritt zum Programm «Waze for Cities»: Die Verkehrsbehörde, die Stadtverwaltung von Bagdad und lokale Regierungen können kostenlos Staudaten erhalten und der App offizielle Informationen zu Sperrungen und Umleitungen liefern, was gleichzeitig Fahrern und Rettungsdiensten zugutekommt.
- Klare rechtliche Rahmenbedingungen: Erlass schriftlicher Vorgaben, die festlegen, wann und wie eine App gesperrt werden kann, welche Stelle dazu befugt ist und wie dagegen Beschwerde eingelegt werden kann – in Abstimmung mit der Behörde für Medien und Kommunikation als Regulierungsinstanz.
- Gesetz zum Schutz personenbezogener Daten: Verpflichtung aller Anwendungen, in- und ausländischer Herkunft, zu einheitlichen Standards beim Erheben und Speichern von Standortdaten, statt jede App einzeln zu behandeln.
- Öffentliche Konsultation mit Betroffenen: Einbeziehung von Liefer- und Transportunternehmen, Fahrergewerkschaften, Technikexpert*innen und dem parlamentarischen Ausschuss für Verkehr und Kommunikation vor jeder Entscheidung.
- Zuerst eine heimische Alternative in der Praxis: Die Unterstützung irakischer Anwendungen ist ein positiver Schritt; sinnvoller wäre es jedoch, solche Angebote zu starten, zu testen und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu beweisen. Gelingt das, würden Nutzerinnen und Nutzer freiwillig wechseln, ohne dass ein Verbot nötig wäre – ein Ergebnis, das der Minister selbst antizipierte, als er sagte, das Aufkommen von Alternativen werde die Nutzung von «Waze» abschwächen.
Fazit
Das vom Minister formulierte Ziel, digitale Souveränität zu stärken und irakische Kompetenzen zu fördern, ist legitim und unterstützenswert. Der kürzere und kostengünstigere Weg dorthin führt jedoch über Regulierung, Verhandlung, Gesetzgebung und den Aufbau einer wettbewerbsfähigen Alternative – nicht über ein Verbot, das Bürgerinnen und Bürger sowie die digitale Wirtschaft belastet und zugleich technisch Umgehungsmöglichkeiten über VPNs offenlässt.



